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Mittelalterliche Verhältnisse? Ja bitte! Als im englischen York die Mieter am längeren Hebel saßen

by Marie Ullrich, September 2026

Wer heute in vielen deutschen Großstädten eine Wohnung sucht, kennt das Problem: Viele Interessenten treffen auf wenige freie Wohnungen, die Mieten steigen und Vermieter können zwischen zahlreichen Bewerbern wählen. Im spätmittelalterlichen englischen York konnte das ganz anders aussehen. Hier waren es zeitweise nicht die Wohnungen, sondern die Mieter, die knapp wurden.

Von diesen spätmittelalterlichen Verhältnissen und der Mieterknappheit erzählen die Baurechnungen der Kathedrale von York. Der Verwalter der Kathedralfabrik war nämlich dafür zuständig, Geld für Bau und Unterhalt der Kathedrale einzunehmen und auszugeben. Zu den Einnahmen zählten auch Einkünfte durch die Vermietung zahlreicher Immobilien in der Stadt. Rund 106 einzelne Mietobjekte tauchen in den Rechnungen auf: Kleine Kammern und Häuser, Werkstätten, aber auch größere Gebäude. Ihre Mieten bildeten eine wichtige Einnahmequelle für die Kathedrale.

Auf den ersten Blick scheint bei diesen Mieten im Laufe des 15. Jahrhunderts nur wenig zu passieren. Der Verwalter schrieb regelmäßig auf, wie viel für die einzelnen Immobilien zu zahlen war. Wer nur diese Einnahmen betrachtet, könnte daher meinen, dass die Mieten erstaunlich stabil blieben.

Doch das täuscht.

Ab der Mitte des 15. Jahrhundert findet sich in den Ausgaben der Rechnungen eine zusätzliche Kategorie. Hier verzeichnete der Verwalter ausgebliebene oder verminderte Mieteinnahmen. Stand ein Gebäude leer, wurde festgehalten, dass überhaupt keine Miete eingegangen war. Es hieß dann:

And in default of 1 tenement lately in the tenure of William Wylton because it is empty this year …………………………………………………….. 40 Schilling


Zahlte ein Mieter weniger als eigentlich vorgesehen, notierte der Verwalter die Differenz.

Das führt zu einer auf den ersten Blick merkwürdigen Rechnungsführung. Angenommen, für ein Haus waren 40 Schilling Miete vorgesehen, tatsächlich ließen sich aber nur 36 Schilling und 8 Denare erzielen: In der Einnahmenrechnung erschienen weiterhin die 40 Schilling. Die fehlenden drei Schilling und 4 Denare wurden anschließend als Verlust in den Ausgaben verbucht und mit folgendem Eintrag notiert:

And in decay of 1 tenement in the tenure of John Cotes which was accustomed to pay per year 40 Schilling, now at 36 Schilling 8 Denarii.

Danach folgte am rechten Rand die Differenz zwischen den beiden Summen:
3 Schilling, 4 Denarii.

© Photographer: Marie Ullrich. Reproduced by kind permission of the Chapter of York.

Transkript:

Et in decasu j tenementi in tenura Johannis Cotes quod solebat reddere
per Annum xl s. modo ad xxxvj s. viij d.…………………………………….iij s. iiij d.

Et in defectu j tenementi nuper in tenura Willelmi Wylton quia vacat hoc
Anno…………………………………………………………………………………………. xl s.

Warum machte man es sich so kompliziert? Warum schrieb der Verwalter nicht einfach die Summe auf, die er tatsächlich erhalten hatte?

Eine mögliche Erklärung liegt in der Funktion der Rechnung selbst. Die alte Miethöhe blieb dadurch sichtbar. Sie dokumentierte, was für ein Gebäude eigentlich geschuldet wurde – auch wenn dieser Betrag gerade nicht mehr einzutreiben war. Gleichzeitig wurde festgehalten, warum der Verwalter weniger Geld eingenommen hatte. Die Rechnung bewahrte damit nicht nur Einnahmen und Verluste, sondern auch Wissen darüber, welchen Ertrag die Immobilien eigentlich erbringen sollten.

Die Buchungen dokumentieren die zunehmenden Probleme der Kathedrale hinsichtlich ihrer Mietobjekte. 1433 lagen die tatsächlichen Mieteinnahmen der Kathedralfabrik von York etwa 15 Prozent unter den nominell vorgesehenen Einnahmen. Rund zehn Jahre später betrug die Differenz bereits 23 Prozent, 1457 etwa 47 Prozent. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erreichten die Verluste schließlich rund 65 Prozent.

Hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich eine Krise des städtischen Mietmarktes. York war im 15. Jahrhundert von Bevölkerungsrückgang und wiederkehrenden Epidemien betroffen. Für große Immobilienbesitzer wurde es schwieriger, genügend Mieter für ihre Häuser zu finden. Freier Wohnraum war vorhanden, während die Nachfrage sank. Vermieter mussten geringere Mieten akzeptieren, wenn die Alternative war gar keine Mieter zu finden.

Die Kathedralfabrik reagierte durchaus darauf. Sie investierte weiterhin in die Instandhaltung ihrer Häuser und ließ sogar in den zentral gelegenen Shambles ein neues Gebäude errichten – all dies waren Maßnahmen, um für potentielle Mieter attraktiv zu bleiben. Die Lage spielte weiterhin eine Rolle: Besonders hohe Mieten konnten in den Shambles und in der zentralen Straße Petergate verlangt werden, während weiter außerhalb gelegene Immobilien geringere Erträge brachten. Den grundsätzlichen Trend konnten solche Maßnahmen jedoch nicht aufhalten.

Während heute vielerorts Wohnungssuchende um knappen Wohnraum konkurrieren, zeigen die Rechnungen aus York für Teile des 15. Jahrhunderts eine beinahe umgekehrte Situation: Immobilien waren vorhanden – knapp wurden die Mieter. Die Kathedralfabrik musste geringere Mieten akzeptieren oder riskieren, ihre Häuser gar nicht vermieten zu können.

Sichtbar wird diese Entwicklung gerade durch die auf den ersten Blick umständliche Rechnungsführung. Indem die Verwalter weiterhin festhielten, was sie eigentlich hätten einnehmen sollen, dokumentierten sie zugleich, was sie tatsächlich nicht mehr einnehmen konnten. Manchmal erzählt eben gerade das Geld, das in einer Rechnung fehlt, die spannendere Geschichte.

Mittelalterliche Verhältnisse auf dem Mietmarkt? Aus Sicht der Mieter sicherlich: ja bitte!


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Marie Ullrich (1. Oktober 2026). Mittelalterliche Verhältnisse? Ja bitte! Als im englischen York die Mieter am längeren Hebel saßen. Sakralbaurechnungen. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://baurechnung.hypotheses.org/875


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